
Rapsanbau im Umbruch
Die Schädlingsbekämpfung im Raps steht vor großen Herausforderungen. Durch die sinkende Zahl zugelassener Wirkstoffe und wachsende Resistenzprobleme, insbesondere gegen Pyrethroide, verschärft sich die Lage in vielen Regionen. Fachleute raten daher zu präzisem Monitoring, gezieltem Mitteleinsatz und einer konsequenten Umsetzung des integrierten Pflanzenschutzes, um Rapsbestände nachhaltig zu sichern.

Schadschwellen, Frühjahrs-Schädlinge und gezielte Bekämpfung
Die wichtigsten Frühjahrsschädlinge erfordern eine genaue Beobachtung und eine Bekämpfung strikt nach Schadschwellen. Der Große Rapsstängelrüssler wird ab einer bestimmten Käferzahl pro Gelbschale bekämpfungswürdig, der Gefleckte Kohltriebrüssler erst bei höheren Fängen innerhalb weniger Tage. Beim Rapsglanzkäfer spielt neben der Käferzahl auch das Entwicklungsstadium der Knospen sowie der Vitalitätszustand der Bestände eine zentrale Rolle.
Schotenschädlinge wie Kohlschotenrüssler und Kohlschotenmücke richten vor allem durch Bohr- und Einstichstellen sowie die Gefahr von Sekundärinfektionen und Schotenaufplatzen erhebliche Schäden an. Da hier teils ausgeprägte Pyrethroid-Resistenzen vorliegen, sind die Bekämpfungsspielräume begrenzt und eine exakte Bestandsbeobachtung unerlässlich.

Insektizidwahl, Resistenzmanagement und Bienenschutz
Die aktuellen Strategien stützen sich weiterhin stark auf Pyrethroide (Typ 1 und 2), obwohl ihre Wirksamkeit regional bereits deutlich nachlässt. Präparate mit Acetamiprid stellen eine eingeschränkte Alternative dar, insbesondere gegen Rapsglanzkäfer, erreichen aber bei Stängelschädlingen nicht die Leistung der Pyrethroide. Entscheidend ist, Insektizide nur nach Erreichen der Bekämpfungsschwellen einzusetzen, um Resistenzen zu verlangsamen und Nützlinge zu schonen.
Beim Einsatz von Insektiziden hat der Bienenschutz oberste Priorität. Bienengefährliche Mittel (B1) dürfen nicht in blühenden oder von Bienen beflogenen Beständen eingesetzt werden, und auch bei B4-Präparaten ist eine Anwendung vorzugsweise in den Abendstunden sinnvoll. Tankmischungen mit bestimmten Fungiziden können die Bienengefährlichkeit erhöhen, und Acetamiprid-haltige Mittel dürfen zur Vermeidung von Honigrückständen nicht mit Netzmitteln kombiniert werden.

Gelbschalen und digitale Monitoring-Systeme
Ein zentrales Werkzeug im Rapsanbau sind Gelbschalen, mit denen sich der Zuflug von Schädlingen wie Rapsstängelrüsslern, Kohltriebrüsslern und Rapsglanzkäfern kontrollieren lässt. Sie sollten früh in die Bestände gebracht und an strategisch sinnvollen Stellen wie Waldrändern, Knicks oder an angrenzenden Vorjahres-Rapsflächen platziert werden. Entscheidend ist eine regelmäßige Kontrolle sowie das „Mitwachsen“ der Schalen mit der Bestandshöhe.
Digitale Systeme wie die „MagicTrap“ erweitern das Monitoring: Eine Kombination aus Wassertank, Kamera, Mobilfunk und solarversorgtem Akku ermöglicht eine automatische Bilderfassung, die per KI-Auswertung nach Schaderregern und Käferzahl differenziert. Die Ergebnisse sind per App abrufbar, und bei starkem Zuflug erhält der Nutzer eine Push-Benachrichtigung. Trotzdem bleibt die eigene Feldkontrolle unverzichtbar, zumal noch nicht alle Schaderreger sicher unterschieden werden.

Neuer Trick ohne Gift gegen Rapsglanzkäfer: Frühblühender Raps
Der Rapsglanzkäfer gehört zu den wichtigsten Schädlingen im Rapsanbau und kann bei frühem Befall oder verzögerter Blüte erhebliche Ertragsverluste bis hin zum Totalausfall verursachen. Die Schadwirkung hängt stark von Nährstoffversorgung und Regenerationsfähigkeit der Pflanzen ab, während die Wirksamkeit von Pyrethroiden der Klasse 2 in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat. Ursache sind unter anderem eine starke Ausdehnung der Rapsanbauflächen und eine enzymatische Resistenz des Käfers, durch die das Insektizid im Körper schnell abgebaut wird.
Ein innovativer Ansatz ist der Einsatz sehr frühblühender Rapssorten wie ATRAKT als Begleitsaat. Etwa 7–10% frühblühender Raps werden mit 90–93% der Hauptsorte gemischt und gemeinsam ausgesät. Die Sorte ATRAKT blüht rund 10–14 Tage früher, zieht die Rapsglanzkäfer an und dient als eine Art Ablenkfütterung oder Falle, sodass sich die Käfer dort satt fressen, entwickeln und anschließend verpuppen, während die später blühende Hauptsorte weitgehend verschont bleibt. Diese Strategie passt ideal zu Sorten mit mittlerem bis spätem Blühzeitpunkt und ermöglicht einen Schutz ohne chemischen Insektizideinsatz.

Rapsanbau mit abfrierender Untersaat als ergänzendes Verfahren
Ein weiteres Bausteinverfahren im nachhaltigen Rapsanbau ist der Rapsanbau mit abfrierender Untersaat. Raps und Untersaat werden gleichzeitig ausgesät; die Untersaat sorgt für Bodendeckung, reduziert Erosion und konkurriert den Raps nur begrenzt, insbesondere sobald der Bestand das 4‑Blatt-Stadium erreicht. Bevorzugt werden Leguminosen, da sie ihren Stickstoffbedarf durch symbiotische Fixierung decken und nach dem Abfrieren gebundenen Luftstickstoff für den Raps freigeben.
Wichtig für den Erfolg sind passende Standortbedingungen, ein sauberes Saatbeet und eine frühe Aussaat vor dem 25. August. Die Aussaat kann in einem Arbeitsgang (Mischung der Samen vorab im Behälter) oder in zwei Durchgängen erfolgen. Trotz der Vorteile können Nachauflauf-Behandlungen zur Unkrautregulierung nötig bleiben; das Düngemanagement entspricht im Wesentlichen dem reinen Rapsanbau. Versuche zeigen, dass der Ertrag bei guter Umsetzung nicht nur gehalten, sondern teilweise zusätzlich abgesichert wird.

Rolle der Nützlinge und Perspektiven für den integrierten Pflanzenschutz
Langfristig liegt der Schlüssel zur erfolgreichen Schädlingskontrolle weniger im reinen Chemieeinsatz, sondern im systemischen Denken und der Förderung von Nützlingen. Laufkäfer, Spinnen und verschiedene Schlupfwespenarten tragen erheblich zur natürlichen Regulierung der Schädlinge bei, indem sie Eier, Larven oder adulte Käfer dezimieren. Gleichzeitig beeinflussen auch Witterung, Pilz- und Nematodenbefall die Populationsdynamik der Schädlinge.
Im Zusammenspiel aus Schadschwellen-orientiertem Insektizideinsatz, Förderung von Nützlingen, frühblühenden Ablenksorten wie ATRAKT und Verfahren wie abfrierender Untersaat entsteht ein Baukastensystem moderner, agroökologischer Strategien. Mit sinkender Insektizidintensität kann die natürliche Regulation gestärkt, der Druck auf die Resistenzentwicklung reduziert und gleichzeitig der Rapsglanzkäfer gezielt aus dem Hauptbestand „herausgelenkt“ werden. Der klare Appell lautet daher: Insektizide niemals vorbeugend, sondern nur gezielt nach Schadschwelle und möglichst in Kombination mit anbautechnischen und biologischen Maßnahmen einsetzen. Das schützt Umwelt, Bestände und die langfristige Wirksamkeit der verbliebenen Wirkstoffe und verankert den integrierten Pflanzenschutz als Leitprinzip im Rapsanbau der Zukunft.









